Edbalds Krönung
Nachts am Ende des Langen Winters war Edbald zu unruhig, um zu schlafen. So saß er alleine auf dem Hochsitz seiner Halle und betrachtet das langsam verglimmende Feuer.
Da trat aus den Schatten ein Mann zu ihm hin. Noch bevor Edbald handeln konnte, sagte dieser, er heiße Gryggr und die Götter hätten ihn gesandt, ihn, Edbald sein Schicksal zu offenbaren. Er forderte Edbald auf, ihm zu folgen. Und obwohl Edbald kein Beweis für die Wahrheit der Worte des Fremden verlangte, glaubte er ihm. So erhob er sich und folgte Gryggr. Wachen, die ihm folgen wollten, winkte er fort. Gryggr führte ihn an den Fuß des Hamagnipa, wo Edbald eine hölzerne Pforte in den Berg hinein vorfand, die vorher dort nicht gewesen war. Diese Pforte war aus dem schwarzen Holz des Drythentré, welche über und über mit geritzten und vergoldeten Runen verziert war.
Als Edbald vor der Pforte stand, wartete er darauf, dass Gryggr sprach, doch der sagte nichts. Als er sich ihn ungeduldig zuwenden wollte, war dieser verschwunden. Nun wartete Edbald nicht lange, stieß das Tor auf und trat über die Schwelle. Augenblicklich erlosch jedes Licht und er stand still, bis er das matt glimmende Licht von sechs Feuerschalen erkennen konnte, die auf mannshohen Säulen an den Ecken eines sechseckigen Podiums standen.
Bei dem Licht konnte Edbald weder die Größe des Raumes erkennen, noch irgendwelche Türen oder Tore. Der Boden und die Wände, die Edbald erkennen konnte, waren aus dem gleichen schwarzen Holz wie das Tor gefertigt. Sie waren ebenfalls mit Runen verziert, die jedoch nicht gefärbt waren. Neben dem Knistern des Feuers konnte er einen leisen und sehr tiefen, auf und ab schwingenden Ton hören, der ihm wie der Rhythmus einer Dichtung vorkam. Die Luft war frisch und roch nach Erde, Meer und Schnee.
Als Edbald auf das Podium hinauf stieg, wuchs auch dessen Mitte ein Hochsitz heraus, auf dem er dann Platz nahm. Dort blieb er reglos, wie in Trance sitzen und wartet.
Nach einiger Zeit spürte er die Anwesenheit anderer Wali. Bald schon merkte er, dass die Geister alle lebenden Wali, egal, wo in der Welt sie sich aufhielten, anwesend waren und zu ihm aufsahen.
Dann spürte Edbald die Anwesenheit von sechs sehr mächtigen Wesenheiten, die sich anfühlten wie Feuer und sich vor jede der Feuerschalen aufstellten. Eines dieser Wesen trat hinter den Hochsitz. Als Edbald sich umwandte, erkannte er undeutlich eine schwarz gewandete Gestalt, die eine unendliche Geduld ausstrahlte und ebenfalls zu warten schien.
Nach einiger Zeit erhob sich ein blasses Licht aus dem Podest. Als es stärker wurde, formte es sich zu der schemenhaften Gestalt einer alten, würdigen Frau, die nun über Edbald schwebte und ihn eindringlich mustert. Nun erschienen vor ihr nacheinander auf die gleiche Weise drei gerüstete Krieger, die Edbald als Eirik, Elfse und Egil erkannte, die zuerst die Frau grüßten und dann ebenfalls Edbald musterten. Als die Geister dieser drei Häuptlinge wieder vergingen, schloss die Frau ihre Augen und ihr Abbild sank zurück in den Untergrund. Nun schloss auch Edbald seine Augen. Als dies geschah erloschen mit einem lauten Donnerschlag alle sechs Feuer und nichts als der tiefe Ton war zu hören.
Nach einigen Herzschlägen rief eine tiefe und machtvolle Stimme laut das Wort: ‚Wali‘. Dann, erneut: ‚Wali‘. Und noch einmal: ‚Wali‘.
Dann fiel direkt über Edbald ein goldener Lichtstrahl herab, der sich langsam ausweitete, bis die Lichtsäule Edbald und den Thron beleuchtete.
Nun erhob die dunkle Gestalt hinter dem Hochsitz die Arme und streckte sie der Quelle der Lichtsäule entgegen. Da erschien dort oben ein Schatten in der Lichtsäule. Wie von den Händen der Gestalt gelenkt sank dieser Schatten langsam tiefer und begann sich dabei zu einer dunklen, eisernen Krone zu formen, die mit eisernen Wolfsköpfen verziert war. Als sie auf das Haupt des Edbald hinab sank, wurde der tiefe Ton lauter und schwoll dann wieder ab. Da öffnete Edbald plötzlich die Augen und erhob sich von dem Hochsitz. Nach einigen Herzschlägen sprach er dann mit ruhiger Stimme: ‚Ich bin Edbald JarKhan, Träger der Wolfskrone.‘
Mit diesen Worten erlosch die Lichtsäule und Dunkelheit beendete alles.
Edbald wachte alleine auf. Er befand sich an dem Ort, an dem Gryggr ihn aufgesucht hatte und saß auf seinem Hochsitz. Als er jedoch mit den Händen an den Kopf fuhr, fand er dort die Wolfskrone. Von Gryggr fehlte jede Spur. Alle, mit denen er danach sprach, konnten sich an den Augenblick der Krönung erinnern.
Als Edbald später an den Fuß des Hamagnipa zurückkehrte, war dort keine Pforte zu finden. Da ließ er dort graben, und fand einen Gang, der in der Tiefe in einer großen Höhle endete, deren Wände über und über mit Quarzkristallen bedeckt war. Da ließ Edbald den Zugang zu der Höhle mit einer Tür verschließen, wie er sie in der Nacht gesehen hatte. Darüber ließ er große Felsen häufen, dass niemand gegen seinen Willen diese Tür zu sehen bekäme.
Erläuterungen
- Der Hamargnipa ist ein großer und steiler Felshügel in Yggrgard, auf dem Edbald später seine Halle errichtete.
- Der Lange Winter ist nicht die Finsternis.
- Die Halle, in der die Krönung stattfand kann entweder direkt Walis Halle oder eine der Nebenhallen gewesen sein, die Farbe lässt vermuten, dass es die Halle Hyldirs ist.
- Alle zum Zeitpunkt der Krönung lebenden Wali hatten die gleiche Vision.
- Bei den sechs mächtigen Wesenheiten handelt es sich um die fünf hohen Götter zuzüglich Gryggr, der die Krönung als schattenhafte Gestalt selbst vornahm.
- Der tiefe Ton in der Halle ist das wahrnehmbare Urkvaedi, das von Ekki gesungen wird, um das Universum zu formen.
