Walis Runensuche
Oftmals saß Wali auf seinem Hochsitz Sendár und versucht, das Schicksal der Welt und der Götter zu erahnen. Und obwohl er dabei Weisheit aus Spekfyrir trank, gelang es ihm nicht, das Schicksal in Klarheit zu erkennen. Und so suchte er lange nach einem Weg, mehr von dem zu erkennen, was geschehen wird. Da kam eines Tages ein alter Mann nach Veislaheim. Er gelangte in die Halle, ohne dass eine der Wachen ihn sah. Erst als Hrisgrisnir, der Wachsame, aufstand und diesen anknurrte, sah auch Wali ihn. Da wunderte der sich, dass er diesen Mann nicht vorher gesehen hatte und fragte ihn nach seinen Namen und Begehr. Der Alte sagte, er hieße Roekvitran und habe gesehen, dass er, Wali, den Wunsch hege, mehr von dem Schicksal der Welt erkennen zu können. Da antwortete Wali erstaunt, dass dem so sei, er aber nie mit jemandem darüber gesprochen habe. Roekvitran meinte, ihm blieben die Wünsche anderer nicht verborgen. Nun sei er aber gekommen, da er immer einen Weg wüsste, einen Wunsch zu erfüllen. Da sagte Wali, dass dies sicher nicht ohne Preis vonstattengehen würde. Es sei so üblich, meinte Roekvitran, dass er immer das bekomme was er wolle und außerdem solle Wali bedenken, dass auch die Erfüllung eines Wunsches nicht ohne Gefahren sei.
Da schaute Wali scharf hin und sah, dass Roekvitran einer der Daudurja war, noch wahnsinniger als alle anderen, aber tatsächlich in der Lage war, das Sehnen des Gottes zu erfüllen. Obwohl Wali wusste, dass eine Gabe immer eine Gegengabe verlangte, erklärte er sich damit einverstanden, dass der Alte ihm zeige, wie er mehr von dem Schicksal der Welt erkennen konnte.
Da sagte Roekvitran, der Geist des Wali müsse dessen Körper verlassen, denn nur so könne er das Wissen erlangen, wie er das Schicksal der Welt erkennen könne. Dann gab er Wali ein Horn, in dem ein Sud aus Pilzen und Kräutern war. Als Wali das Horn geleert hatte, stieg er auf und sah seinen Körper wie im Tod auf seinem Hochsitz ruhen.
So machte Wali sich auf den Weg und durchwanderte während langer Zeit alle Orte auf der Welt und außerhalb der Welt. Er verweilte in vielen Dingen und Menschen und nahm etwas von deren Wissen in sich auf. Doch dadurch gelangte er nicht zu mehr Einsicht in das Schicksal der Welt. Dann gelangte er in den Weltenraum, wo er ein Lied von solcher Kraft hörte, dass er nicht wiederstehen konnte und sich dem Ort näherte, von dem aus es erklang. Immer weiter hinaus in den Weltenraum wanderte er und es wurde immer heißer und Feuer umgab ihn. Schließlich war Wali nur von Feuer umgeben und wusste nicht mehr, wo er war. Und obwohl das Feuer ihn schmerzte, konnte es seinem Geist nichts anhaben So schwebte er im Feuer und sein Geist sucht nach Antworten auf seine Fragen. Da erschien eine Form in dem Feuer, kam auf ihn zu und drang dann in den Geist des Wali ein. Und als dies geschah, sah Wali das Schicksal der Welt schärfer als je zuvor. Und erneut erschien eine Form und brannte sich in ihn ein und wieder wusste Wali von Dingen, die er vorher nicht gewusst hatte. Und so ging es weiter, bis sich schließlich zwei Dutzend dieser Formen in seine Geist eingebrannt hatten. Und diese Zeichen waren, so wusste Wali nun, Runen. Dann geschah nichts mehr und Wali wusste schließlich wie er mehr von dem Schicksal der Welt erfahren konnte. Aber da er nicht wusste, wo er war, konnte er keinen Weg zurück zu seinem Körper finden. So ruhte er in dem schmerzenden Feuer über lange Zeit und wartete darauf, dass sich ihm ein Weg zeigen würde.
Währenddessen vergingen in Veislaheim Jahre und Jahrzehnte, und Asa und die anderen Götter begannen sich Sorgen darüber zu machen, ob Wali jemals wieder zurückkehrte. Als dann auf Walis Haut unbekannte Zeichen erschienen, schien ihnen dies ein unheilvolles Zeichen. Da bat Asa den Höggr, nach Roekviran zu suchen. Als Höggr ihn fand stellte er ihn zur Rede. Als aber Höggr drohte, Roekvitran zu erschlagen, wenn er ihm nicht sagte, wo der Geist des Wali nun weilte, antwortete dieser, dass er nicht geschaffen sei, Wünsche ohne Lohn zu erfüllen. Höggr erwiderte grimmig, dass der Lohn für die Antwort das Leben des Roekvitran sei. Der lachte nur und meinte, darüber gäbe es nichts zu verhandeln. Da nahm Höggr seine Axt und schlug dem Roekviran den Kopf ab. Den nahm er dann mit nach Veislaheim und legte ihn in eine Schale Met, die den Kopf am Leben hielt und man konnte sehen, dass dies dem Roekvitran nur wenig behagte. Dann sprach Höggr erneut zu ihm und stelle seine Frage noch einmal und diesmal, so meinte er, würde der Lohn für die Antwort der Tod sein. Da lachte Roekvitran und meinte, das sei allemal besser, als ewig im Met zu liegen und nichts davon trinken zu können. Dann erzählte er, dass der Geist des Wali durch des Roekvitran List im Urfeuer gefangen sei und dass es nichts gäbe, was ihn daraus befreien könnte. Darauf meinte Höggr, dass dies abzuwarten sei, zog den Kopf aus dem Met und warf ihn ins Herdfeuer, wo er verging.
Nun sprach Höggr mit Alswidr und erzählte ihm, was er von Roekvitran erfahren hatte und dass er fürchte, Wali sei nun für alle Zeit verloren, da niemand das Feuer lange berühren könne. Da lachte Alswidr und meinte, niemand wisse alles auf der Welt, aber er, Aslwidr wisse, wie er unversehrt zum Urfeuer gelangen könne. Dann ging er zum Meer und holte ein kleines Schiff aus Silber und Gold aus der Tasche. Das setzte er in das Wasser und rief dreimal den Namen Vidfara. Da wurde daraus ein prächtiges Langschiff mit Männern aus Silber an den Rudern und Segel aus Gold. Höggr brachte den Körper des Wali zum Schiff und Alswidr steuerte es in die Tiefe. Erst Wasser, dann Stein machten Platz und schließlich gelangten sie zu dem Urfeuer in der Tiefe der Welt. Auf dessen gewaltigen Strömen fuhren sie und suchten nach dem Geist des Wali. Schließlich sahen sie in der Ferne eine Stelle, die heller glühte als das Feuer selbst. Als sie dort anlangten, kam der Geist des Wali an Bord und nahm wieder Platz in seinem Körper. So kehrten sie nach Veislaheim zurück und Wali setzte sich wieder auf seinem Hochsitz. Fortan konnte er das Schicksal besser erkennen, wenn er dazu die Runen befragte. Eines Tages fragte Höggr ihn, ob er weise gehandelt habe, als er den Roekvitran erschlug. Da meinte Wali, dass es weise gewesen sei, denn niemand sollte leben, der alle Wünsche erfüllen könne.
Später gab Wali den Godhen der Wali das Wissen um die Runen weiter, damit sie auf diese Weise die Absichten und den Willen der Götter und der Natur erkennen konnten. Doch nicht alle Runen gab er weiter, da, ,so meinte er, zu viel des Wissens nicht gut für die Menschen sei.
