Grimnfjord
Der Grimnfjord reicht, von der Mitte des Yggrfjords ausgehend, einen halben Schiffstag weit in Richtung Südosten in das Hochland von Yggrgard von Waligoi hinein. Er ist an den breitesten Stellen bis zu acht Wegstunden breit, an den engsten jedoch nur fünf bis sechs Schiffslängen. Meistens jedoch hat er eine Breite von einer Wegstunde. In dem Fjord gibt es kaum Inseln, wohl aber zahlreiche Untiefen und zumeist führt er an steilen Wänden oder unwegsamen Felsküsten vorbei, die gelegentlich von landbaren Stellen unterbrochen sind. Von diesen kommt man oft nur über schmale und steile Pfade in das Hochland von Yggrgard. Den Grimnfjord entlang gibt es Stellen, an denen des Tags Signale durch Hörner, Rauch und blanke Metallscheiben und des Nachts durch Feuer gegeben werden. Sie dienen einerseits zur Sicherheit der Bewohner und andererseits, vor allem in der Nacht, als Steuerhilfe für Schiffe. Woanders ruht in Küstennähe in den Nachtstunden die Schifffahrt, im Grimnfjord nicht. Eine der größten Inseln liegt in der Nähe der Mündung des Fjords in den Yggrfjord. Sie wird Slottö genannt und auf ihre befinden sich eine Festung und eine geschützte Bucht, in der viele Schiffe liegen können. Dort sammeln sich die Schiffe des südlichen Altierlandes oft, um zum Kampf auszuziehen und von dort aus beherrschen die Atlir des Grimnfjords auch die Schifffahrt im Yggrfjord und ziehen Wegzölle ein, von denen auch der Jarkhan seinen gerechten Anteil bekommt.
Am Ende des Fjordes gibt es eine größere Fläche, die leicht angelandet werden kann. Dort fließt auch der Fluss Varmurvattnar (Warmwasser) in den Fjord, nachdem er etwa eine Wegstunde im Landesinneren in einem fünfzehn Schiffslängen hohen Wasserfall aus dem Hochland herabgefallen ist. Den Namen bekam der Fluss, da er von einigen warmen Quellen vulkanischen Ursprungs gespeist wird und im Winter oft nur in den kältesten Monaten gefroren ist. Die Felswand, von der der Wasserfall herabfällt, wird Gammalskutta genannt, der Altensprung. Zu diesem Namen kam die Wand, weil zuweilen in besonders harten Wintern, wie zuletzt im Sommer 3821 (2168 nKr bzw. 33 ndF) alte Leute freiwillig hinabsprangen um ihrer Sippe das Überleben in Hungerszeiten zu ermöglichen.
Auf nahezu allen landbaren Stellen des Grimnfjords haben sich Menschen des Stammes der Atlier angesiedelt, aber nur dort, wo der Zugang zum Hochland einfach und damit der Handel unbehindert ist, ist ihre Zahl groß genug, um Dörfer bilden zu können. Die landbare Küste am Ende des Fjords wird allgemein Grönslätt genannt, was grüne Ebene heißt. Sie ist aber nicht eben, sondern eher hügelig und steigt zum Hochland hin an. Sie hat die Größe von etwa vierhundert Sätteri. Auf ihr ist Ackerbau und Viehzucht ohne große Schwierigkeiten möglich. Die Erträge reichen nicht nur für die Ernährung der dortigen Bevölkerung aus. Die reichlichen Überschüsse werden gewinnbringend in das Hochland von Yggrgard oder nach Yggrgard verkauft oder gegen andere Dinge getauscht. Auf den Ländereien von Grönslätt und am Grimnfjord leben genügend Menschen, um neben den Kriegern für das Einnher auch noch ein eigenes stehendes Heer mit mehr als zwei Dutzend Schiffen zu halten. In Kriegszeiten können daraus mehr als achtzig Schiffe werden. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht von dort aus einige Schiffe aufbrechen, um über das Hymir zu fahren, sei es, um reiche Länder zu überfallen, zu handeln oder beides gleichzeitig zu tun. Davon stammt auch ein großer Teil des Reichtums der Edlen unter den Bewohnern.
Auf den Ländereien des Grönslätt, an der Mündung des Varmurvattnar in den Grimnfjord liegt die „Hauptstadt“ dieses Gebietes, die Varmborg heißt. Gegründet wurde Varmborg bereits unmittelbar nach der Ankunft der Atlier am Yggrfjord im Sommer 2496 (854 n.Kr.), hat jedoch aufgrund seiner Abgelegenheit nie die Größe einer Stadt erreicht. Es ist ein Ort von etwa eintausend Seelen, umgeben von einem Wall und Palisaden. In der Siedlung, auf einem aufgeschütteten Hügel gibt es eine Festung, ebenfalls mit Palisaden umgeben. Das Kernstück dieser Festung ist ein steinerner Turm, auf dem des Nachts ein Signalfeuer brennt. Aus Varmborg stammt der erste Werir der Atlier nach dem Langen Winter. Von Varmborg aus führen zwei Handelswege aus dem Grönslätt hinaus, der eine in nördliche Richtung nach Yggrgard und den anderen Städten des Altierlandes und der andere in östlicher Richtung durch das Waldgebiet, aus dem das Holz für den Bau von Schiffen und Häusern stammt, im Hochland über die Pässe der Tönnyr nach Sestat und von dort bis nach Taihartu und Boras. Der größte Teil des Handels jedoch findet auf dem Seeweg statt.
Neben dem großen Turm in Varmborg, der Festung auf Slottö und dem Fall des Varmurvattnar gibt es noch drei weitere Sehenswürdigkeiten, die auch außerhalb des Grimnfjord bekannt geworden sind. Die eine ist die Versammlung der Jagdwale im südlichen Fjord, die jeden Sommer stattfindet. Sie wird Orkrthing genannt. Zuweilen können dort mehrere Hundert Orkr-Wale zusammen gesehen werden. Eigentlich ist es kein Thing, da dort die Weibchen ihre Jungen zur Welt bringen und die Bullen sie nur bewachen.
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der große Hügel, der am Rande des Hochlandes am Nordweg liegt. Er wurde nach einer kleineren Schlacht der Zweiten Rukr-Kriege für die Toten errichtet. Damals wurde auf ihm ein Drythentré (Drythenbaum (Göttersäule)), auch Hallatré (Hallenbaum) gepflanzt, der noch heute steht und damit fast zweitausend Sommer alt ist. Er ist der einzige seiner Art im Atlierland. Seinesgleichen findet man nur noch in Gautenland an einem Ort namens Godhalla, der nördlich von Boras liegt. Sein Stamm ist so dick, dass es zehn Männern braucht ihn zu umfassen und er ist nahezu fünf Schiffslängen hoch, wobei die untere Hälfte des Stammes nahezu frei von Ästen ist.
Die letzte Sehenswürdigkeit kann nur im Winter bewundert werden. Wenn zur Zeit einer Flut das Meer an seinem Höhepunkt gefriert, bildet sich eine glatte Eisfläche über den gesamten Fjord. Dies Fläche bildet sich meistens zur Mitte des ersten Wintermondes und hat zwei Monde bestand. Diese wird dann befahren von Schlitten und oft wird zu dieser Zeit das Bauholz für Schiffe nach Slottö gebracht. Die Besonderheit sind jedoch Schiffe, die über das Eis segeln. Sie werden Isbod (Eisboot) oder Issnithar (Eisschneider) genannt. Es sind Boote mit Segeln, die meistens nur Platz für ein bis drei Menschen haben. Die wenigen großen Boote bieten Platz für nicht mehr als zehn Männer. Unter dem Rumpf der Eissegler sind beidseitig lange eiserne Kufen angebracht, die als einziges auf dem Eis liegen. Angetrieben von den Winden, die im Fjord wehen und gesteuert durch die Segelstellung und lange Holzstaken rasen diese Schiffe mit nie gesehener Geschwindigkeit über das Eis. Gelegentlich werden zu dieser Zeit auch Rennen dieser Boote ausgetragen, die nicht ungefährlich sind und so manchen verwegenen Segelmeister schon ins Grab gebracht haben. In besonders harten Wintern, wenn sogar der Yggrfjord an seinen Rändern zugefroren ist, können diese Boote sogar bis nach Yggrgard und weit darüber hinaus gelangen. Zu diesen Zeiten werden sie als einziges Transportmittel für Menschen und Nachrichten genutzt.
Die Menschen am Grimnfjord sind typische Wali vom Stamm der Atlir. Wie alle anderen auch haben sie schwere Zeiten während der verschiedenen Kriegsjahre durchgemacht, doch niemals ihren Willen zur Freiheit, den alle Wali ebenso teilen, verloren. Aufgrund der Unwegsamkeit des Landes um den Fjord herum und die gut geschützte Lage im Hinterland des Yggrfjordes haben sie diese auch immer wahren können. Behandelt man sie freundlich, wird man gut aufgenommen und gewinnt schnell Freunde. Feindlich gegen wohlmeinende Fremde sind sie nicht, nur vorsichtig. Wer sie jedoch falsch behandelt oder meint, ihnen überlegen zu sein, wird schnell feststellen, dass sein Leben nur zu endlich ist. Viele Reichtümer und Erinnerungsstücke in den Hallen dort stammen aus der Hinterlassenschaft derer, die glaubten, als Fremde im Atlirland Macht über diese Menschen zu haben.
Fehden untereinander gibt es seit dem Langen Winter auf der Grönslätt kaum noch, was auf den Einfluss des aus ihren Reihen stammenden Werirs zurückzuführen ist. Nur in den höher gelegenen Tälern und abgelegenen Flecken des Grimnfjordes pflegen die Menschen diese uralte und zerstörerische Form der Gerechtigkeitsfindung noch. Die Grimnfjorder erfreuen sich, wie alle anderen Wali auch, an Wettkämpfen, Spielen, Musik, Tanz und vor allem gutem Essen und starken Getränken. Besonders der Langdans (Langtanz), der bei keiner Feier fehlt, ist zu erwähnen. Mit besonderer Hingabe wird dieser Tanz jeweils zu Zeit der Sommer- und Wintersonnenwende gepflegt. Dort wird er über Stunden um Feuer herum getanzt um die bösen Geister der Erde zu vertreiben, die die Sonne stehlen wollen.

