Dichtkunst
Die walische Dichtkunst durchdringt die walische Kultur in weiten Bereichen. Jeder, der etwas auf sich hält, versucht sich gelegentlich in der Verskunst. Meisten mit eher weniger als mehr Erfolg. Aber dennoch gilt die Fähigkeit, Verse zu schmieden als Zeichen hoher Bildung und Klugheit. Dies beruht darauf, dass dazu die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in kurzen und klaren Worten zusammenzufassen und diese dann auch noch einer bestimmten Formgebung anzupassen keine einfache ist.
Die einfache Dichtung
Das Volk beherrscht die hohe Dichtkunst kaum, insbesondere, weil aufgrund der Schwierigkeiten der Stabfindung die eigentlichen Inhalte häufig ohne Erläuterungen nur schwer zu verstehen sind. Dennoch geben sich alle, wenn sich hoch Dichtkunst hören, verständig und loben die Kunst des Dichters. Dies gibt Betrügern die Möglichkeit sich mit unsinnigen Versen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ohne selber auch nur eine Zeile dichten zu können.
Unter sich hat das Volk selber eine andere Form der Dichtung gefunden, die auf den ersten Blick der hohen Dichtkunst ähnelt. Dies ist der sogenannte Schüttelstabreim.
Das Kortrskeppa, das Kurzmaß
Das Kurzmaß ist kein Stabreim, ähnelt ihm aber sehr. In ihm ist jede Zeile eines Gedichtes eigentlich eine Halbzeile eines Stabreims, nur dass es die zweite Halbzeile nicht gibt.
Das Kurzmaß hat einige einfache Vorgaben. Diese sind:
- Jede Strophe besteht aus vier Zeilen.
- Jede Zeile besteht aus zwei Halbzeilen
- Jede Zeile besteht aus einer geraden Zahl von Worten, je weniger, je besser, aber niemals weniger als vier.
- Die Zahl der Worte ist in beiden Halbzeilen gleich.
- Am Ende oder am Anfang jeder Halbzeile steht das stabende Wort.
- Keine Muss-Regel: Die Zahl der Silben in jeder Halbzeile einer Zeile ist gleich. Dies ist aber schon wieder „höhere“ Kunst und kommt nicht so oft vor.
- Keine Muss-Regel: Die Zahl der Worte in jeder Zeile ist immer die gleiche.
Damit lassen sich interessante Ergebnisse erzielen und nahezu jeder ist in der Lage, zumindest eine brauchbare Strophe zu bauen. So wurde es zu einem Brauch, sofern mach noch bei Sinnen ist, während seines Ablebens einen letzen Vers zu sprechen. Außerdem werden die meisten Spottgedichte so abgefasst.
Hier eine Beispiel eines Kurzmaß-Reims aus dem „Auðnarkvæði yr Wali“, Walis Schicksalslied:
Unhold aber wirkt in ewiger Wut,
will böses Geschick senden wieder Götter,
wirkt üble Mächte gegen arglose Menschen,
schickt vielerlei Weh gegen wehrlose Welt.
Die Hohe Dichtung
Hohe Dichtung wird oft nur im Gefolge des Jarkhans, Adliger oder reicher Männer ausgeübt. Meistens sind es bezahlte Skalden, die die alten Lieder zum Vergnügen der Zuhörer rezitieren oder neue Lieder über die Taten ihrer Herren dichten. In der hohen Dichtung kommen überwiegend drei Versmaße vor.
Der Stabreim
Der Stabreim ist die Kunst der wahren Dichter. Sie ist keine einfache Kunst und nur die wenigsten beherrschen sie ausreichend genug, um mehr als zwei Zeilen korrekt zu dichten. In allen Fällen ist zu beachten, dass s, sk, sp, st nicht untereinander staben. Es gibt dabei verschiedene Versformen. Die wichtigsten epischen Versmaße sind das Lengskeppa, der Gamaltiðhljæd und das Frœðiskeppa. Manche Skalden neigen dazu, noch komplexere Versmaße zu benutzen, aber diese können nur noch wenige Wali verstehen.
Das Lengskeppa, das Langmaß
Das Langmaß hat einen 4er-Takt, in denen bestimmte Takte staben, d.h. dass die stabenden Worte bei der Aussprache hervorgehoben werden. Am häufigsten kommt die Taktung 1 - 2 / 3 - 4 vor, es gibt aber auch andere Taktungen. Ein Beispiel ist:
war nicht Sand noch See, noch salz‘ge Wogen
Das Langmaß ist das älteste Versmaß. Aus ihm sind alle späteren Versmaße hervorgegangen.
Der Gamaltiðhljæd, der Altzeitton
Strophen im Altzeitton bestehen aus vier Langzeilen und jede Langzeile aus zwei Halbzeilen. In jeder Halbzeile gibt es immer zwei betonte Wörter, von denen mindestens eins den Stab trägt, der über die Langzeile reicht und diese zusammen hält. Die erste Halbzeile trägt zumeist zwei Stäbe, wobei das erste Wort nicht immer stabt. In der 2. Halbzeile stabt fast immer das erste Wort, sofern es ein Substantiv, Verb oder Adjektiv ist. Es ist praktisch eine „aufgeweichte“ Form des Langmaßes und gibt den Dichtern mehr Spielraum. Hier ein Beispiel:
Listig am Weg des Wurms grub Sigurd
Unterstand unter des Unholds Fährte,
Den Wanst ihm mit Gram grimmig zu schlitzen,
Fafnir zu fällen.
Das Frœðiskeppa, das Strophenmaß
Im Strophenmaß folgt auf eine Langzeile immer eine Vollzeile. Die Langzeile ist wie beim Altzeitton aufgebaut. Eine Vollzeile stabt immer in sich selber und bezieht sich inhaltlich auf die vorangehende Halbzeile. Ein Beispiel:
"Nicht lang' seh ich dein Leben währen
da furchtbare Fehde naht."
"Ich will nicht weichen, winkt mir auch der Tod.
Nicht zaghaft zaudern will ich."
Das Stabreimen als Spiel
Es gibt ein Spiel, das als Skakastafrím, das „Schüttelstabreimen“, bezeichnet wird. Dieses ist auf dem Kurzmaß aufgebaut. Dieses Spiel ist im Volk sehr beliebt und wird besonders an Abenden, im Winter und auf langen Schiffsreisen gespielt. Manchmal werden dabei beachtliche Ergebnisse erzielt.
Hierzu werden in einen Behälter Holzmarken mit Runen gelegt, wobei einige Runen, für die es kaum Stabwörter gibt, beiseitegelassen werden. Nun einigt man sich auf ein Thema und schon geht es los. Der Erste zieht eine Marke und bildet eine Zeile, wobei der Stab auf die gefundene Rune lautet. Nun ist der Nächste an der Reihe und so weiter. Man muss sich zum einen an das vorgegebene Thema und zum anderen an der vorherigen Zeile orientieren. Durch Mehrheitsentscheid der anderen Spieler wird bestimmt, ob die neue Zeile angenommen wird. Das Spiel endet, wenn alle Runen gezogen sind oder jemand keine Zeile bilden kann. Gewonnen hat der, der die wenigsten Worte gebraucht hat.
In einer anderen Variante werden die Runen zurückgelegt, wenn eine Strophe, also vier Zeilen gebildet wurden und das Spiel endet, wenn jemand nicht in der Lage ist, eine Zeile zu bilden oder wenn eine zuvor hinzugefügte leere Marke gezogen wurde.
Eine Verschärfung ist die Vorgabe, eine Zeile in einer vorgegebenen Zeit zu bilden. Gemessen wird die Zeit mit aus Beutegut stammenden Sanduhren oder durch das Auslaufen eines mit Wasser gefüllten Behälters, in dessen Boden ein kleines Loch gemacht wurde.
